Wenn sich Sportkommentatoren für eine Mannschaft entscheiden und selbst den Rasen betreten.

Michael Praetorius vor 53 Monaten

Yep. First iPad sold goes to Bavaria

In New York steht auf den Stufen des Apple Stores ein Mann und schwenkt die Bayernflagge, er sitzt auf einem Klappstuhl und wartet darauf, kurz nach Öffnung des Geschäfts ein iPad kaufen zu können. Er sitzt dort nicht allein, sondern umringt von einer Menschenmasse und vielen Journalisten. Richard Gutjahr heißt dieser Mann und arbeitet in München beim Bayerischen Rundfunk und ist leidenschaftlicher Blogger. Für seine Reise nach New York hat er sich Urlaub genommen und sein Vorhaben dort lange vorausgeplant. Er hat sein gesamtes Equipment dabei, das er als Journalist und Blogger braucht, um selbst live vor Ort berichten zu können, was er dort erlebt.

Nun ist eine Diskussion entfacht, ob Richard Gutjahr den guten Journalismus verlassen hat und auf die Seite der kritiklosen PR für Apple gewechselt ist. Ich sehe darin auch eine Diskussion über den künftigen Online-Journalismus im Social Web und Echtzeitweb.

Ich möchte Richard Gutjahr zu dieser Aktion erst mal ganz groß gratulieren. Ich kenne ihn persönlich, schätze seine Arbeit als Journalist beim BR und lesen sehr gerne seinen Blog. Richard hat sich in New York ins kalte Wasser geschmissen und wollte eine neue Form der Berichterstattung im Web2.0 ausprobieren. Das Ergebnis ist eine großartige Pionierarbeit, die auch als solche gesehen werden muss. Dafür verdient er meine volle Anerkennung.

Meine Überschrift "Wenn sich Sportkommentatoren für eine Mannschaft entscheiden und selbst den Rasen betreten" beziehe ich auf die Frage, ob es verwerflich ist, wenn sich ein Blogger oder Journalist auf eine Seite schlägt. Ich halte es durchaus für legitm, wenn Autoren ganz klar hinter ihrer Meinung und Ihrer Leidenschaft stehen. Bei Gutjahr ist es die Leidenschaft für das iPad. Gutjahr ist bekennender Apple-Fan und hat sein Vorhaben lange vorher in seinem Blog angekündigt. Er hat sich wie ein Kind aufs Christkind darauf gefreut und diese Emotion in Videos, Blogs und Fotos festgehalten. Er ist sozusagen embedded Journalist – allerdings muss er sich zu jedem Zeitpunkt selbst in die Situation einbauen. Er bekommt dabei keine Unterstützung vom Apple-Konzern und genießt auch kein Privileg als Journalist in der Warteschlange. Weder versucht er sich als Journalist Vorteile zu verschaffen, noch verheimlicht er seinen Beruf, um Undercover arbeiten zu können. Er ist ganz einfach Richard Gutjahr in der gesamten Transparenz, die man aus seinem Blog kennt.

Gutjahr ist Gutjahr, er ist echt, live, persönlich und wie das Web 2.0.

Gutjahr filmt, wie er sich seinen Klappstuhl kauft, sich in der Schlange für das iPad anstellt und will den Moment live festhalten. Und man kann es ihm bei all dem Stress kaum übel nehmen: Als der Höhepunkt kommt, indem er als erster den Apple Store betreten darf, versagt Gutjahr. Aber nur in seiner Rolle als neutraler Reporter, als Journalist hat ihn die Live-Situation überrannt und er musste die Live-Berichterstattung aufgeben, wie ein Fußball-Kommentator, der in aller Freude über das 11-Meter-Tor sein Mikro fallen lässt. Als leidenschaftlicher Blogger, Mensch mit echter Leidenschaft (keien gekaufte PR-Leidenschaft) siegt er auf ganzer Linie und kauft das erste iPad, das es in New York im Flaggship-Store von Apple zu kaufen gibt. Minuten später twittert er, „das erste iPad geht nach Bayern!“

Der Reporter beobachtet das Geschehen. Gutjahr ist Zentrum des Geschehens

In seiner Rolle als Journalist und Live-Reporter hätte er die Kontrolle eigentlich über seine Berichterstattung behalten müssen, er hätte mit der Kamera draufgehalten, womöglich zwei Leute in der Schlange vorlassen müssen und hatte von seinem Handy die Bilder live um die Welt senden können, doch das tur Gutjahr nicht. Er bleibt seiner Persönlichkeit treu, man hätte ihn für einen Vollidioten halten müssen, wenn er 20 Stunden lang um das erste iPad ansteht und beim Halten der Videokamera die Pole Position aufgibt. Doch Gutjahr entscheidet sich richtig: für sein iPad und für seine Leidenschaft.

Betrachten man die Situation aus den Augen eines Journalisten der alten Schule, hat Gutjahr möglicherweise versagt.Der Apple-Fanboy hat sein Spielzeug bekommen. Bedenkt man aber, wie Gutjahr das Social Web mit seinem Stunt bewegt hat der Münchner eine journalistische Glanzleistung hingelegt. Er hat verstanden, dass das Web fragmentiert ist, auf sozialen Beziehungen beruht und er sich auf sein Netzwerk verlassen kann. Sein Bericht ist nicht das große Ganze, sondern das winzig klein Verstreute. Spätestens jetzt wird klar, dass Gutjahr nicht versagt hat, sondern von Beginn an auf die Kraft des Webs gesetzt hat. Seine Berichterstattung ist ein hervorragendes Beispiel, wie Online-Journalismus im Zeitalter des Social Webs funktionieren kann:

Gutjahr hat Freunde und aktive Beobachter, die fiebernd nach der verlorenen Kameraperspektive suchen, als Gutjahr den journalistischen Blackout erlebt. Seine Kontakte im social Web setzten seine Arbeit fort: Sie twittern und posten Bilder von anderen Kamerateams, die Gutjahr im Bild haben und eine Perspektive liefern. Blogeinträge entstehen, die alles zusammenfassen und andere Medien verlinken. Aus kleinteilig Verstreutem wird wieder das große Ganze, allerdings nicht mehr im Blog von Gutjahr. Er selbst wechselt in diesen Minuten von der Rolle des Berichterstatters zur Web-Persönlichkeit, die nun genau wie das iPad selbst zum zentralen Ereignis an diesem Tag wird.

Nein, Gutjahr war in diesem Minuten kein neutraler Journalist, der während seiner Aktion die Vor- und Nachteile des iPads schilderte, er war Entertainer. Er hatte sich als Sportkommentator seine favorisierte Mannschaft ausgesucht und er hatte sich entschieden, selbst den Rasen zu betreten. Und das halte ich bei der Gelebten Offenheit von Richard Gutjahr nicht für verwerflich.

Seine Form der Berichterstattung lässt sich ein kein einziges Raster mehr packen, das auf Journalistenschulen gelehrt wird. Das muss es auch nicht, den im Web wird klarer denn je, dass Journalismus kein Beruf, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung ist. Journalisten sind nicht mehr die Gatekeeper der Berichterstattung und Informationen. Jeder kann heute veröffentlichen und zum eigenen Verlag, Radio- oder TV-Sender werden – wenn auch nur für wenige Augenblicke oder von langer Hand geplant als künftiges Verlagsmodell. Im Kampf um Aufmerksamkeit und Sympathie brauchen Verlage allerdings Menschen wie Richard Gutjahr oder andere digitale Zugpferde, die zu dem und hinter dem stehen, was sie berichten. Die Aufgabe der Neutralität übernehmen Aggregatoren, die verschiedenste Quellen zusammenmischen.

Journalisten können zu Marken werden

TV- , Radiosender und Buch und Musikverlage haben seit langen ihre Persönlichkeiten, nicht nur, aber sie haben starke Zugpferde. Wie sieht es in der Zeitungsbranche aus? Namen von Journalisten sind in den meisten Zeitungen als Kürzel unter oder über ihrem Artikel versteckt. Kommt die Meldung über eine Nachrichtenagentur für die DPA, DDP oder AFP finden sich als Hinweis auf den Redakteur lediglich die drei Buchstaben der Agentur. Eine direkte Kontaktmöglichkeit gibt es nicht. Möglicherweise den Weg über einen Leserbrief, der dann in seltensten Fällen gedruckt oder anderweitig veröffentlicht wird. Anders ist dies sicherlich bei Buchverlagen, aber muss ein Autor erst eine paar Hundert Seiten am Stück schreiben, um ein Stück vom Ruhm abzubekommen? In der Bloggerszene ist es fast undenkbar, dass die Autoren ungenannt oder hinter kryptischen Kürzeln versteckt bleiben.

 

Menschen wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben

Im Unterschied zu TV- und Radiosendern hatten Zeitungen und Zeitschriften offenbar nie großes Interesse, eigene Persönlichkeiten ins Rampenlicht ihres Mediums zu stellen. Dabei ist das nach meiner tiefsten persönlichen Überzeugung im Zeitalter des Webs so wichtig. Menschen wollen im Web kommunizieren und sie wollen dabei auch wissen, mit wem sie es zu tun haben. Nachrichten von Freunden bei Facebook werden offensichtlich inzwischen häufiger gelesen, als journalistische Beiträge. Nein ich vergleiche hier nicht das Lesen einer SMS mit dem Ansehen der Tagesschau, aber Nachrichten oder besser gesagt Neuigkeiten werden seit dem social Web anders konsumiert. Facebook bezeichnet seine Startseite selbst als Newsfeed und Nutzer entscheiden selbst über die Relevanz und die Aufmerksamkeit, die eine neue Meldung bekommt.

Da können klassische Raster zur Priorität und Relevanz einer Meldung noch so fest in unseren Köpfen als Journalisten verankert sein, die Leitmedien in denen wir diese Raster anbringen können, funktionieren anders. Die neuen Leitmedien heißen Facebook, YouTube, Digg.com, Google Reader oder noch viel genauer: das neue Leitmedium ist das eigene soziale Umfeld.

Dies muss man sich vor Augen halten, wenn wir über die aktuelle Arbeit von Journalisten sprechen – egal ob TV-, Radio- Print oder Online. Ich glaube nicht mehr an die Gattungstrennung.

Digitale Alphatiere im Social Web machen es vor.

Die vier größten Wachstumsfaktoren des Webs heißen: Lokalität, Mobilität, Echtzeit und Persönlichkeit. Aber wie ist das mit den Persönlichkeiten im Journalismus? Privatpersonen erreichen mit ihren Statusupdates bei Freunden und Freundesfreunden heute die Reichweite einer Lokalzeitung. Digitale Alphatiere im Social Web sind im Social Web zu Persönlichkeiten geworden.

Vergleichen wir Twitter und UKW-Radio: Ein Radiomoderator hat Hörer, er moderiert kurz und schnell, gibt sich mal informativ, mal emotional, ist live und lokal empfangbar. Seine Art zu Moderieren und den Hörer zu begleiten entscheidet maßgeblich, ob ihm am nächsten Tag genauso viele oder weniger Menschen zuhören. So mancher hyperaktive Twitter-Nutzer dürfte sich dabei nicht anders fühlen, als der Morningman einer lokalen Radiostation. Tweets sind die Moderationen im Echtzeitweb, kurz, informativ und emotional, die Plattform selbst ist lokal und mobil strukturiert und Follower kann man getrost mit Zuhörern vergleichen.

„Märkte sind Gespräche, Gespräche zwischen Menschen klingen menschlich. Sie werden mit einer menschlichen Stimme geführt. Ob zum Austausch von Information, Meinungen, Perspektiven, Standpunkten oder Anekdoten, die Stimme des Menschen ist offen, natürlich und ehrlich. Hyperlinks untergraben Hierarchien. Sowohl in intervernetzten Märkten, als auch unter intravernetzten Mitarbeitern sprechen die Menschen auf eine neue kraftvolle Art und Weise miteinander. Diese vernetzten Gespräche erschaffen kraftvolle neue Formen der sozialen Ordnung und es tauchen neue Arten des Wissensaustausches auf.“

So heißt es in den ersten Thesen des vor knapp zehn Jahren verfassten Cluetrain-Manifests. Damals galten die Thesen unanwendbar, heute sind Sie die kleine Nachtlektüre für Social Media Experten. Liest man diese wenigen Zeilen, sollte man wissen, wie sich Journalismus verändert. Passt dies zu den Namenskürzeln in Zeitungen oder müssten hier nicht viel mehr Fotos zu sehen sein, eine direkte Kontakt- und Kommentarmöglichkeit?

Journalismus ist kein Beruf, sondern eine Tätigkeitsbeschreibung

Eine Story oder Berichterstattung galt mit ihrem Erscheinen als fertig. Sie war im Kasten, abgeliefert und gedruckt oder ausgestrahlt. Reaktionen von Zuschauern und Lesen kamen zu spät. So hat Journalismus bisher funktioniert. Doch das ist vorbei. Die Recherche beginnt im Web und kann bereits als öffentliches Gespräch in Netzwerken geführt werden, der geschriebene Artikel, das Video, Fotos oder Audiobeiträge können jederzeit egal von wem ergänzt werden. Selbst das Aggregieren von Inhalten und gesammelte Bereitstellen, ohne einen eigenen Handstrich zu verfassen ist legitim. Nicht das Ergebnis einer journalistischen Arbeit wird publiziert, sondern die gesamte Wertschöpfungskette findet in der Öffentlichkeit statt. Das Wort Publizieren muss wahrscheinlich neu definiert werden.

 

Über den Autor:

Michael Praetorius

Michael Praetorius, geboren 1978 in München lebt heute als Publizist und Medienberater in München und Berlin. Dort leiter er die Geschäfte der NOEO GmbH. 

Praetorius ist ein Medienmensch und spezialisiert auf Strategien, Konzepte, Anwendungen und intermediäre Inhalte für das Web. Zu seinen Auftraggebern gehören Verlage, Fernseh- und Radiosender, Videospielepublisher, Agenturen und Behörden. Praetorius ist zudem langjähriger TV- und Hörfunkjournalist und lehrt junge Journalisten an unterschiedlichen Einrichtungen wie dem AFK München oder der Privatsenderpraxis in Wien. An der Bayerischen Akademie für Werbung und der Deutschen Dialogmarketing Akademie ist unterrichtet Praetorius Medienmanagement, Online-Marketing und Social Media Strategien. Privat agiert Praetorius als Blogger auf dieser Website oder als Video-Blogger in der Münchner Isarrunde und Berliner Spreerunde.

 

Yep. First iPad sold goes to Bavaria

Das Beweisfoto - Richard Gutjahr mit dem ersten iPad

Das Beweisfoto - Richard Gutjahr mit dem ersten iPad

First in line for the ipad at New York's Apple Store

Anstellen für den Ruhm

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