Lokalrundfunktage

UKW ist tot, tot, tot

Michael Praetorius vor 39 Monaten

Michael Praetorius auf den Lokalrundfunktagen 2011

UKW ist tot, tot, tot war meine These auf den Lokalrundfunktagen in Nürnberg, die eine heftige Diskussion unter Radiomachern ausgelöst hat. Liebe Radiokollegen, ja man wird Euch auch in Zukunft noch hören, aber nicht mehr primär über den alten analogen Weg und der Werbemarkt ist von den Online-Werbeformen verwöhnt, die eine viel genauere Auswahl der Zielgruppe und ständige Erfolgskontrolle von Kampagnen ermöglichen.


Radio- und Fernsehsender haben ihr Distributionsmonopol verloren.
Mit Plattformen wie YouTube kann heute jeder zum Sender werden. Selbst das Livestreaming ist heute möglich, ohne sich über Streaming-Kapazitäten Gedanken machen zu müssen. Die Qualität der Inhalte und der Kontakt zur Zielgruppe sind dabei für den Erfolg entscheidend. Gemeint ist dabei nicht der Qualitätsjournalismus, sondern die Relevanz der Inhalte für Nutzer. Längst muss sich jeder Inhalt mit einem Katzenvideo im Netz messen lassen. Zumindest, wenn es um die Reichweite geht. Die Verbreitung via Sat, Kabel oder Antenne ist kein Garant für Einschaltquote. Auch durch den engen Kontakt zu Nutzern in sozialen Netzwerken lässt sich Quote machen. Dies weiß nicht zuletzt der Werbemarkt selbst. Branded Channels von Unternehmen bei YouTube und Unternehmensseiten bei Facebook sind der beste Beweis, wie Unternehmen bereits selbst zu Content-Distributoren werden und versuchen ihre Zielgruppe ohne Umweg über einen TV- oder Radiosender zu erreichen. Zudem erschafft sich das Netz seine eigenen Stars und Persönlichkeiten.

Soziale Netzwerke bieten Autoren und Personalities die Infrastruktur, die bisher nur Sender liefern konnten.
Einige YouTuber besitzen heute bereits mehr Abonnenten als so mancher regionale TV-Sender und führen einen Dialog zu Zuschauern, der interaktiver ist, als sich so machner Radio- und TV-Sender in den letzten Jahren traute. Diese Kanäle sind natürlich auch Botschafter für Marken interessant.

Die Apps im Auto kommen.
Fast alle Radiosender haben ihre App und ein Webradio auf der Website. Natürlich ist die Zahl der Streaming-Nutzer in den letzten Monaten erneut gestiegen und natürlich sind dies auch keine neuen Hörer, sondern bestehende Fans, die auf einen neuen Distributionskanal aufspringen. Selbe Szenarien werden in in den nächsten Jahren in den Autos erleben. Schon heute arbeiten alle Fahrzeughersteller an einer Online-Unit an der Stelle, an der heute noch ein Autoradio weilt. Natürlich werden neue Autos auch noch ein UKW Radio haben, aber die App oder das per Funk verbundene Smartphone ist nur eine Klick weiter weg. 30 % der Radiohörer hören heute im Auto. Diese Hörer müssen nicht verloren gehen, aber sie können in Internet-Hörer konvertiert werden.

Der Teufelskreis der Steamingkosten
Spricht man Radiomacher auf die Vorteile von Streaming an, hört man immer dasselbe Argument. "Wir könne es uns nicht leisten, dieselbe Anzahl an Hörern via Internet zu beliefern" UKW sei viel billiger, bla bla bla.. Ja das stimmt. Dazu kommt, dass auch die heutigen Datenflatrates auf der Nutzerseite nicht ausreichen, um lange online Radio zu hören. Doch müssen die Modelle der Zukunft anders aussehen. Radiosender müssen selbst in die Streaming-Infrastruktur investieren, Verträge mit Mobilfunkanbieter unterzeichnen und dafür sorgen, dass sie künfitg für den Hörer genauso kostenneutral zu empfangen sind. So wie E-Plus heute in seinem Mobilfunknetz Kunden den kostenlosen Zugang zu Facebook ermöglicht, könnten Allianzen zwischen Funkhäusern und Mobilfunkanbietern auch dies für den Hörer ermöglichen. Refinaziert würde dies über Werbeinnahmen, so wie Sender ihre Sat-, Kabel oder UKW-Distribution ja auch über Werbung refinanzieren. Die neue Werbung hätte aber gegenüber der Onine-Werbung keine Nachteile, Geo-basiete Werbung, Nutzerbezogene Werbung, (Vgl .Facebook Anzeigen) wären dann in erreichbarer Nähe.

UKW als Geschäftsmodell ist tot, tot, tot!
Sender müssen umdenken. Die klassische Frontalbeschallung über einen zentralen Distributionsweg ist tot. Sender müssen sich intermediär aufstellen. Ihr Programm in sozialen Netzwerken, Online-Angeboten und Apps aufstellen. Aber nicht als Tease auf das lineare Radioprogramm, sondern als vernetztes Programm. Online First, Social Media First muss der Workflow heißen, Arbeitsschritte müssen crossmedial angelegt werden, um den Mehraufwand zu vermeiden. In den meisten Sendern ist Crossmedia noch immer ein Fremdbegriff.

Apps überholen Webradio-Verweildauer
Mikko Linnamäki, Entwickler vieler Radioapps der großen Landesweiten Radiosender berichtet in einem Kommentar zu diesem Artikel auf Facebook, dass in Schweden die Unique User in der Woche in Apps schon höher seien als die User auf den Websites. Zudem seien dort die Werbeeinnahmen aus den Apps bereits höher als die Einnahmen aus den Websites. 

Disclaimer: ich berate einige TV- und Radiosender in ihrer Online- und Distributionsstrategie und zähle es daher auch zu meinen Aufgaben, den Finger in die Wunde zu legen und auf Podien masslos zu übertreiben, um Bewegung in das Thema zu bringen. :-)
Über den Autor:

Michael Praetorius

Michael Praetorius, geboren 1978 in München lebt heute als Publizist und Medienberater in München und Berlin. Dort leiter er die Geschäfte der NOEO GmbH. 

Praetorius ist ein Medienmensch und spezialisiert auf Strategien, Konzepte, Anwendungen und intermediäre Inhalte für das Web. Zu seinen Auftraggebern gehören Verlage, Fernseh- und Radiosender, Videospielepublisher, Agenturen und Behörden. Praetorius ist zudem langjähriger TV- und Hörfunkjournalist und lehrt junge Journalisten an unterschiedlichen Einrichtungen wie dem AFK München oder der Privatsenderpraxis in Wien. An der Bayerischen Akademie für Werbung und der Deutschen Dialogmarketing Akademie ist unterrichtet Praetorius Medienmanagement, Online-Marketing und Social Media Strategien. Privat agiert Praetorius als Blogger auf dieser Website oder als Video-Blogger in der Münchner Isarrunde und Berliner Spreerunde.

 


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